Lich, 16. April 2026. Mit dem Innovationsforum „Zukunft der Jugendhilfe: 2030 und weiter“
hat die Evangelische Stiftung Arnsburg am Donnerstag, den 16.4.2026, Fachpraxis,
Wissenschaft, Verwaltung, Politik und junge Menschen zusammengebracht, um über die
Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe zu beraten.
Die Veranstaltung fand im Rahmen der Feier des 180-jährigen Bestehens der Stiftung statt und verstand das Jubiläum
ausdrücklich nicht nur als Anlass zum Rückblick, sondern als Auftrag, die Zukunft der Kinderund Jugendhilfe aktiv zu gestalten.
Im Mittelpunkt des Fachtags stand die Frage, wie Kinder- und Jugendhilfe so weiterentwickeltwerden kann, dass sie die Rechte junger Menschen auf Förderung, Schutz und Teilhabe
wirksam verwirklicht, Familien verlässlich unterstützt und zugleich inklusiv, bedarfsgerecht und fachlich fundiert ausgestaltet wird.
Dabei ging es auch um die Voraussetzungen dafür,dass Kinder- und Jugendhilfe auf kommunaler, Landes- und Bundesebene vorausschauend
geplant, gesteuert und finanziert werden kann.
Fachliche Impulse setzten Rainer Orban, Leiter des n.i.l. Instituts für systemische Fort- und Weiterbildung und Autor von „Jugendhilfe neu denken“ und „Jugendhilfe neu machen“,
sowie Dr. Davina Höblich, Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule RheinMain und Mitglied der Sachverständigenkommission des 17. Kinder- und Jugendberichts der
Bundesregierung. Grußworte kamen zudem aus Landes- und kommunaler Perspektive von Dr. Christian Peter aus dem Hessischen Ministerium für Arbeit, Integration, Jugend und
Soziales sowie von Timo Semmelrogge, Leiter des Fachdienstes Kinder- und Jugendhilfe des Landkreises Gießen.
„Kinder- und Jugendhilfe verdient mehr gesellschaftliche Anerkennung. Hier wird an offenen Lebensläufen gearbeitet – in einer hoch verantwortungsvollen, sinnstiftenden und oft auch
herausfordernden Arbeit, deren Wert gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann“, sagte Dr. Felix Blaser, Vorstand der Evangelischen Stiftung Arnsburg.
Prof. Dr. Davina Höblich betonte die besondere Verantwortung des Systems: „Die Kinder- und Jugendhilfe muss ihre Glaubwürdigkeit gerade dadurch beweisen, dass sie sich für alle
jungen Menschen und Familien zuständig versteht – aber nicht für alle gesellschaftlichen Probleme.
Damit sie Schutz, Stabilität und gesunde Entwicklung fördern kann, braucht es verlässliche Rahmenbedingungen, einen klaren Fokus auf Kinderschutz und Frühe Hilfen
sowie eine starke Heimaufsicht in Hessen.“ Rainer Orban verwies auf die Umsetzungsebene: „Wir haben kein Wissensproblem, sondern
ein Umsetzungsdefizit.
Öffentliche und freie Jugendhilfe brauchen den Mut zu partnerschaftlicher Steuerung: eine gemeinsame Zielarchitektur und tatsächlich geteilte
Verantwortung. Leitmotiv muss sein, von der Zukunft aus zu denken und zu handeln.“
Aus Sicht der Kinder- und Jugendvertretung der ESTA ist dabei entscheidend, dass junge Menschen nicht nur Gegenstand von Entscheidungen sind, sondern tatsächlich beteiligt
werden: „Wir wollen, dass über unsere Hilfen nicht nur gesprochen wird, sondern mit uns.
Hilfeplangespräche müssen so gestaltet sein, dass junge Menschen sich wirklich einbringen können.“ Die jungen Vertreterinnen und Vertreter verwiesen zudem auf die Bedeutung
verlässlicher Ansprechpersonen, bekannter Ombudsstrukturen und echter Mitwirkung auch in Arbeitsgruppen und Planungsprozessen.
Auch Aroosa Ullah vom Landesheimrat Hessen forderte mehr verbindliche Beteiligung und passgenaue Unterstützung: „Es wird noch immer vieles über die Köpfe junger Menschen
hinweg entschieden.
Wir brauchen mehr echte Beteiligung, mehr Prävention, mehr Intervention und mehr psychologische Hilfe – auch für junge Menschen, die nicht dem Bild
des ‚perfekten Opfers‘ entsprechen.“ Damit rückte sie insbesondere die Situation junger Menschen mit komplexen Belastungen und herausfordernden Biografien in den Blick
In Diskussionsrunden und Future-Labs vertieften die Teilnehmenden ihre Überlegungen.
Ziel war es, nicht bei allgemeinen Zukunftsbildern stehen zu bleiben, sondern konkrete Ansatzpunkte für notwendige Veränderungen in der Kinder- und Jugendhilfe
herauszuarbeiten.
Deutlich wurde dabei, dass die Kinder- und Jugendhilfe nur dann zukunftsfähig aufgestellt werden kann, wenn Beteiligungsstrukturen gestärkt, inklusive und niedrigschwellige Hilfen
verlässlich erreichbar gemacht, Fachkräfte gewonnen und gebunden sowie Planung, Qualitätsentwicklung und Finanzierung nachhaltig gesichert werden. Diese Linien
entsprechen auch den im Papier „Gestärkt in die Zukunft!“ formulierten Ansätzen zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe.
Die Evangelische Stiftung Arnsburg wertet den Fachtag als wichtigen Beitrag zu einem gemeinsamen Verständigungsprozess zwischen jungen Menschen, Familien,
Selbstvertretungen, freier und öffentlicher Jugendhilfe sowie Politik und Verwaltung.
Die Ergebnisse des Tages sollen in weitere fachliche Anschlussprozesse und Folgeveranstaltungen einfließen.
Bereits angekündigt ist eine weitere Veranstaltung zur Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe.
Die Evangelische Stiftung Arnsburg begleitet seit 180 Jahren Kinder und Jugendliche. Heute bietet sie in mehreren Wohn- und Betreuungsformen Hilfen und Unterstützung für rund 100
Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und ihre Familien; rund 50 junge Menschen leben auf dem Stiftungsgelände.
Das Innovationsforum machte deutlich, dass diese Aufgabe auch in Zukunft gemeinsames Engagement, fachliche Weiterentwicklung und verlässliche
Rahmenbedingungen braucht.
